Nr. 61 · Dezember 2011

Anti-Piraten-Einsatz der Bundeswehr am Horn von Afrika
   
 

[ ger/mash ] Schülervater Thomas Johannsen, Kapitän, Offizier der Bundesmarine, Geschwaderführer und offizieller Berichterstatter vor dem UN-Sicherheitsbeitsrat in New York berichtet in der Schule Marienau.
Thomas Johannsen ist einer von 66 deutschen Kapitänen, die noch auf "große Fahrt" gehen. Er kennt die Weltmeere wie seine Westentasche, war jahrelang bei der Marine, ist Fachmann für zivile und militärische Seerechtsfragen und war in dieser Funktion als Berichterstatter für die Vereinten Nationen in New York tätig, als es darum ging bei anderen UN-Mitgliedern um konkrete Unterstützung für die Atalanta-Mission, also für Hilfe bei der Bekämpfung von Piraterie vor der Küste Somalias, zu werben. Kapitän Johannsen ist nicht selten ein halbes Jahr auf hoher See. Mit Piraterie ist er bestens vertraut, hat er sie doch einige Male selbst miterlebt. Die Oberstufenschüler der Schule Marienau, die sich im Politikunterricht auch mit dem Thema "Friedens- und Sicherheitspolitik" und die neue Rolle der Bundeswehr im Rahmen der internationalen Friedensmissionen beschäftigen, luden den Schülervater ein, um aus erster Hand Informationen über die Situation vor der Küste Somalias zu erhalten. Fast eineinhalb Stunden folgten sie gebannt seinen lebhaften Schilderungen. Was bedeutet es, wenn man von Piraten gekapert wird und wochenlang vor Somalia liegen muss, bis ein Lösegeld gezahlt wird: Keine Klimaanlage mehr, das Trinkwasser geht zur Neige, weil die Maschinen vor Anker nicht auf vollen Touren laufen können. Das Problem sei die internationale Rechtslage. "Wenn Piraten ein Schiff entern, bleiben nur wenige Minuten um zu handeln. Einfach schießen geht nicht, das wäre nicht legal. Ganz abgesehen davon, dürfen wir keine Schusswaffen an Bord haben. Und nun stellt euch die Situation vor: Fünf, sechs Piraten hängen schon an der Bordwand. So lange noch niemand das Schiff betreten hat, dürfen wir abschrecken, also mit Feuerlöschwasser oder Lärmkanonen. Das ist aber auch schon alles.

 

Nächstes Problem: Angenommen, wir haben zwei, drei der Piraten festgenommen. Wohin mit ihnen? In eine Kabine einsperren? Geht nicht! Wer sollte da unbewaffnet reingehen um ihnen zu essen oder zu trinken zu bringen? Also irgendeine Art "Käfig" bauen und sie Tag und Nacht bewachen, bis wir den nächsten Hafen anlaufen. Ihr könnt euch vorstellen, was das bedeutet! Sie müssen ihre Notdurft verrichten und, und, und. Und wie sollen sie innerhalb von drei Tagen vor Gericht gestellt werden, wie das internationale Seerecht es vorschreibt? Und meistens findet sich dann irgendein junger Advokat, der irgendeinen Absatz eines nicht beachteten Paragraphen findet." Als Kapitän geht es darum, einen klaren Kopf zu bewahren, Entscheidungen sekundenschnell zu treffen, instinktiv zu reagieren, pragmatisch zu handeln. Für lange Überlegungen, Zweifel oder Skrupel bleibt in solch prekären Situationen keine Zeit, schließlich geht es ja auch um das Überleben der Besatzung.
Als Kapitän Johannsen 2009 und 2010 in New York vor dem Hauptsitz der UN als deutscher Berichterstatter sein Anliegen vorbrachte, im Ernstfall militärisch einzuschreiten, sei die internationale Solidarität nur sehr begrenzt
gewesen im Angesicht nationaler Interessen und Kosten für etwaige Einsätze. Mittlerweile leisten sich private Handelsunternehmen private "Einsatzkräfte", so genannte Security Teams. Johannsen dagegen plädiert für ein



 

klares, gegebenenfalls auch militärisches Intervenieren in Krisensituationen auf hoher See. Piraterie werde zunehmen, so seine Prognose. Statt teurer Einsatzkräfte von außen anzuheuern, sei es in jedem Fall dringend erforderlich zumindest den Kapitän mit einer Schusswaffe auszurüsten. "Da reichen zwei G3-Gewehre und Waffen für die Schiffscrew, die unter harten Auflagen, also in Stahlschränken mit Zugangcodes aufbewahrt werden, um einfache Piratenangriffe abwehren zu können. Langfristig brauchen wir natürlich politische Lösungen, aber damit ist uns im Moment ja nicht geholfen. Ich würde immer erstmal versuchen, mit meinem Schiff weiter zu fahren, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte!"
Danke, Herr Kapitän, für den Ausflug auf hohe See und in die Weltpolitik!



 

 
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